Les Théâtres de la Ville de Luxembourg

#28 HELENA WALDMANN

REVOLVER BESORGEN

TANZTHEATER IN DEUTSCHER SPRACHE

  

[DE] Notiz vom 13.11.2009, 16:45:

Er: Du musst einen Revolver besorgen.
Sie: Und wer schießt?
Er: Du.
Sie: Und wer erschießt dann mich, nachdem ich dich erschossen habe?
Er: Du musst dir eben Jemanden besorgen. (beide lachen)

Sie lachen kein abgründiges Lachen, sondern ein befreiendes, befreites. Sie haben einen Dialog geschafft, etwas, das es zwei Monate nicht gab, weil er sich stets - auf der Suche nach dem, was er sagen wollte - irgendwo, irgendwie verdachte und auch das alles wieder vergaß.

Heute leben allein in Deutschland ungefähr 1,3 Millionen Menschen mit Demenz. Ihre Zahl wird sich bis zum Jahr 2050 verdoppeln. revolver besorgen, die neue Produktion von Helena Waldmann, geht den Spuren dieser Leben nach. Sind diese Menschen wirklich für die Welt verloren, wenn sich ihre Erinnerung nicht mehr den Ansprüchen der Welt fügt? Auch wenn sie wissen, dass ein Revolver den Abschied der Welt, die sie nicht mehr versteht, ermöglichen kann, lachen sie. Über das Befreiende, das im Vergessen steckt.

Die Choreografin Helena Waldmann beschreibt die Fähigkeit, vergessen zu können, als eine essenzielle Grundfunktion des menschlichen Gedächtnisses, die befreit wie die antike Lethe, der Strom des Vergessens oder die Löschtaste des Computers. Mit zunehmendem Alter und wachsender Weisheit bleibt nichts anderes übrig, als sich dem Vergessen hinzugeben: "... vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit der eigenen Lust und Unlust, nämlich an dem Pflock des Augenblicks und deswegen weder schwermütig noch überdrüssig."

Ausgerechnet im Theater, dieser professionellen Anstalt des Erinnerns, in der es um das Memorieren von Sätzen oder um das Wiederholen von Schritten geht,um das Erhalten eines Repertoires oder einer Tradition, zeigt Waldmann in ihrer Choreografie das Vergessen und die alles einnehmende Präsenz des Augenblicks. Die absolute Konzentration im Verlieren der Persönlichkeit, es gibt keinen Zweck mehr, alles geschieht nur für sich selbst - perfekte Kunst.

Die Berliner Tänzerin Brit Rodemund setzt Waldmanns Choreografie grandios um. revolver besorgen ist keine Sekunde kitschig, bitter oder zynisch. Ein berührender Abend mit kraftvollen Bildern und humorvollen Texten.

» So nüchtern und ergreifend zugleich hat man Demenz auf der Bühne noch kaum gesehen ... ein wunderbar starkes Stück. Abendzeitung München

 » Die Ballerina Brit Rodemund demonstriert fußflink in Ballettvariationen, wie das Körpergedächtnis plötzlich aussetzt und damit jede Bewegung sterben lässt. Die Off-Stimme eines Neurologen erläutert bei einer Hirn-Sektion die Symptome von Gehirnschwund und erklärt damit nichts. Die Hand der Ballerina wandert in den Schritt und zeigt, dass das Begehren nicht aufhört, dass aber das Schamgefühl schwindet mit dem Verstand. Waldmann findet wie je kluge und klar konturierte Bilder für das, was sie erzählen will. Süddeutsche Zeitung

Die Tänzerin des Jahres Brit Rodemund: weit, auch zu weit gehen, ohne sich zu verletzen
Von Tom Mustroph


KONZEPT, REGIE & CHOREOGRAPHIE Helena Waldmann
MUSIK Gustav Mahler, Johann Strauss, Zeitkratzer, Nat King Cole

TANZ Brit Rodemund

STÜCKENTWICKLUNG & DRAMATURGIE Dunja Funke
LICHT Hubert Cybulska
KOSTÜM Mari Krautschick
CHOREOGRAPHISCHE MITARBEIT Tim Plegge
RADIOFEATURE Dunja Funke, Helena Waldmann
DEMENT-SPRECHENDE IM FEATURE Nina de Vries, Sexualassistentin, Berlin; Prof. Dr. Dr. Em. Reimer Gronemeyer, Autor und Soziologe, 1. Vorsitzender Aktion Demenz, Universität Gießen; Prof. Dr. Med. Frank Heppner, Leiter des Instituts für Neuropathologie an der Charité, Berlin; Uta Stöcking, Sprecherin, Berlin

PRODUKTION Helena Waldmann, ecotopia dance productions
KOPRODUKTION Dance 2010, Festspiele Ludwigshafen im Theater im Pfalzbau, Forum Freies Theater Düsseldorf, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste Dresden, O Espaço do Tempo Montemor-O-Novo

Vendredi 3 FÉVRIER 2012 à 20h00 (tickets)

DURÉE
1h00 (pas d'entacte)
Adultes 20 € / Jeunes 8 €

Lieu: Grand Théâtre / Studio